Freitag, 12. Februar 2016

Marie Kondo - The lifechanging magic of tidying






Ich wurde gebeten, über dieses Buch meine Meinung kund zu tun und das mache ich hiermit (in epischer Breite). Ich hatte es schon öfter bei diversen englischsprachigen Youtubern gesehen und wurde immer neugieriger (gibt es aber auch auf Deutsch). Es ist von einer Japanerin geschrieben und sie erklärt darin ihre spezielle Art aufzuräumen und weiteres Aufräumen zu verhindern. Mittlerweile ist sie in Japan aber auch durchaus im Rest der Welt eine Berühmtheit. Sie veranstaltet Vorträge und man kann sie in Japan als persönlichen Aufräum-Berater buchen. Ihre Kurse und Privatstunden sind auf Monate ausgebucht.

Grundlage ihrer Philosophie ist es, dass man ein Mal aufräumt und dann (nahezu) nie wieder. Und vor allem, dass das Aufräumen eine Art Event ist. Sprich, man zieht es nicht ewig hin (jeden Tag ein Teil ausmisten, oder jeden Tag eine Schublade), sondern sieht es als ein Projekt, das in möglichst überschaubarer Zeit abgeschlossen werden soll. Gerade das „ein Mal und die wieder“ erschien mir gleich von Vornherein etwas … unrealistisch. Sie selbst sagt von sich, dass sie zwei Mal im Jahr für etwa eine Stunde aufräumt. Ich glaube allerdings nicht, dass es für jeden leicht ist, ihren Grad an Perfektion zu erreichen (und ob das überhaupt sein muss).

Bei der gesamten Lektüre sollte man immer im Hinterkopf haben, dass sie aus Japan kommt. Prioritäten, Ordnungskriterien, Vorstellungen wie sich eine Frau zu kleiden hat, Spiritualität (ja, sie ist in dem Buch stark vertreten) sind alle von der japanischen Kultur geprägt und für den ein oder anderen von uns sicher schwer nachvollziehbar.

Tatsächlich macht sie das Ein oder Andere anders, als es bisherige Aufräumbücher/Anleitungen getan haben, die ich kenne. Ihre Methode ist sehr schlicht aufgebaut. Schritt 1: Sortiere alles aus, was keine Freude in dir auslöst. Schritt 2: Räum das Übriggebliebene weg. Klingt ziemlich einfach. Der größte Teil ihres Buches befasst sich mit Schritt 1. Der 2. Schritt nimmt weniger Platz ein und ist auch der, den ich eher in Auswahl beachte. Insgesamt fand ich einige ihrer Tipps sehr gut, andere wiederum finde ich für mich unpassend oder sogar relativ seltsam. Gerade bei den Tipps zur späteren Aufbewahrung der Sachen, passt einiges nur zu dem speziellen Aufbau japanischer Wohnungen und Häuser, und auch zu der Gesellschaft.

Drei Punkte bei ihr finde ich recht irritierend oder nicht für mich geeignet. Generell empfand ich ihre Aussagen teilweise als etwas reißerisch. Zu sehr „setze meine Methode um und all deine Probleme lösen sich in Luft auf“. Ich denke schon, dass ein komplettes Durcharbeiten ihrer Methode einem extrem viel bringen kann, aber ich bezweifle, dass es bei jedem eine derart durchschlagende Wirkung hat. Der zweite Punkt ist der Grad an Spiritualität durch die Sie z.B. Gegenständen vermenschlicht. Ich finde es völlig in Ordnung, seine Besitztümer zu pflegen und sie gut zu behandeln, damit sie lange halten. Ich finde es auch gut, dankbar für diese Dinge zu sein und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen. Aber ich sträube mich eher dagegen, meiner Handtasche jeden Tag dafür zu danken, dass sie mich begleitet. Auch kann ich mir nicht so gut vorstellen, dass beim Falten von Kleidung Energie auf diese übergeht und dafür sorgt, dass sie länger hält. Diese Aspekte ploppen immer wieder im Buch auf, aber ich finde sie nicht besonders störend, da man es ja einfach im Geiste abhaken kann, wenn man damit nicht warm wird. Der dritte Punkt ist, dass sie fast immer vom Wegschmeißen redet. Auch das kann natürlich kulturell bedingt sein (ich weiß es ehrlich gesagt nicht). Es wird nahezu nie darauf hingewiesen, Dinge an soziale Einrichtungen zu geben. Aber vielleicht ist das in Japan nicht üblich. Ich zumindest teile meine Kann-Weg-Haufen immer in „Müll“ und „spenden/verschenken“. Das erleichtert mir die Entscheidung ehrlich gesagt um einiges, da ich ein Weggeben der Dinge viel weniger schlimm finde, als sie in den Müll zu schmeißen.

Wie schon gesagt, nimmt der Teil des Aussortierens mehr Platz ein, weil er auch schwieriger und wichtiger ist. Sie lässt bei den Erklärungen viel von ihrer eigenen Lebensgeschichte einfließen, aber auch immer wieder Berichte über Kunden. (Sie hat schon viele Methoden ausprobiert und es interessant zu erfahren, woran sie letztendlich scheiterten.) Gerade die Art, wie sie an das Ausmisten ran geht, finde ich sehr motivierend. Zuerst soll man überlegen, wofür man das macht. Man soll visualisieren, was es einem bringt, wenn man nur von Dingen umgeben ist, die man mag und alles aufgeräumt ist. Was bewirkt das in einem? Wie anders lebt man dann, als man das vorher getan hat? Wie will man eigentlich leben? Was soll das Mehr an Ordnung und das Weniger an Zeug bewirken? Bei mir ist es z.B. ganz klar, dass es in vieler Hinsicht meine Kreativität fördert. Unordentlichkeit ab einem gewissen Maß blockiert mich. Ich werde kreativ, wenn ich das Material vor mir sehe. Wenn aber alles unsortiert und chaotisch ist und ich nicht einmal weiß, was ich habe, dann fällt mir nix ein. Das fängt bei kreativen Hobbys an, geht über die Auswahl der Kleidung, die ich anziehen will und endet beim Kochen. In großer Unordnung bleibt meine Kreativität stecken. Die brauche ich aber zum Leben. Sie ist mein Motor. Außerdem macht mich große Unordnung und viel „Zeug“ in meinem Besitz träge, so als ob es mich erdrücken würde oder ich es mit mir herumschleppen müsste. Das ist also das, was mich zum Aufräumen motiviert. Dazu kommt natürlich auch noch eine Arbeitsersparnis, durch die ich mich mehr schönen Dingen widmen kann.

Aber ich schweife ab. Zur Ausmistmethode: Man soll nicht nach Raum oder Schrank aussortieren, sondern nach Kategorie. Also alle Klamotten, alle Bücher, alle Schuhe durchgehen. Man trägt alles einer Kategorie auf einem Haufen auf dem Fußboden zusammen und nimmt jedes einzelne Teil in die Hand. Wenn eine Kategorie zu groß ist, kann man sie auch noch mal unterteilen (was ich in den meisten Fälle mache). Wenn man die Sachen in die Hand nimmt, soll man sich fragen, ob sie in einem Freude auslösen. Ob man z.B. ein Kleidungsstück sofort anziehen würde, wenn das Wetter es erlaubt. Meist weiß man tief im Inneren tatsächlich relativ schnell, ob man diesen Gegenstand mag, oder ob man ihn aus anderen Gründen behält. Wenn man sich sträubt, obwohl einem der Gegenstand eigentlich keine Freude bereitet, dann soll man sich fragen, was einen aufhält. Meist ist es eine Verbindung mit der Vergangenheit, der Zukunft oder beidem. Also der Angst, die Vergangenheit zu verlieren (Geschenk von Oma, Mutter, Freund; Mitbringsel aus Urlaub XY; Erinnerung an Studium), oder durch das Wegschmeißen Probleme in der Zukunft zu bekommen („Das könnte ich nochmal….!!!“). Sie gibt in Bezug auf den Entscheidungsprozess noch etliche weitere Hinweise, die jetzt hier den Rahmen sprengen würden. Ich hielt das erst alles für etwas schwierig. Mittlerweile habe ich aber schon ein paar Kategorien durch und muss sagen, dass ich wirklich meistens genau weiß, ob ich diesen Gegenstand auf jeden Fall behalten will (weil er mir Freude macht) oder nicht. Allerdings lasse ich doch etwas Vernunft mit einfließen, weil es einfach Dinge gibt, die man auch ohne dass sie Freude auslösen, einfach behalten muss oder sollte. Bei einigen Dingen bin ich vielleicht auch noch nicht bereit, mich davon zu trennen. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass der Punkt irgendwann kommt.

Beim Aussortieren setzt sie sehr auf Emotionen und will, dass jeder seine eigene Entscheidung darüber trifft, wie viel er wovon wirklich braucht. Das kann bei jedem unterschiedlich sein. Manchmal gibt es beim Thema Aussortieren Dinge, bei denen ich ihr widersprechen würde, aber insgesamt finde ich ihr Vorgehen gut. Z.B. sind ihre Maßstäbe bei der Klamottenauswahl und der späteren Behandlung der Sachen mir teilweise recht fremd. Mich in Bezug auf meine Schlafklamotten um „feminine Bekleidung“ zu bemühen, finde ich z.B. überflüssig. Generell ist es ihr aber wichtig, auch wenn sie von jemandem gebucht wurde, dass die Person die Entscheidung selbst trifft. Und wenn die kaputte Uhr Freude auslöst, dann ist das so.

Der Bereich der Aufbewahrung von Dingen ist für mich schwieriger. Das Grundkonzept finde ich gut, nämlich dass alles einen Platz haben muss, an den es gehört. Sonst kann man ganz sicher nicht verhindern, dass es wieder unordentlich wird. Außerdem gefällt mir, dass man gleiche Dinge möglichst zusammen lagern sollte. Wenn man immer alles lustig über das Haus verteilt, weiß man nicht, wie viel man von dieser Sache hat. Und es macht das Wegräumen leichter, weil man genauer weiß, wo es hin kommt. Das würde ich nicht bei jeder Kategorie so dogmatisch befolgen, aber bei vielen finde ich es durchaus einleuchtend. Ihre Meinung zum Lagern von Kleidung ist recht speziell. Ihr könnt ja mal bei YouTube nach KonMari (so nennt sie ihre gesamte Methode) und folding suchen und euch die Faltanleitungen ansehen. Sie ist der Meinung, dass möglichst viel gefaltet sein sollte. Außerdem faltet sie recht anders, als ich es kenne. Erst habe ich ihre Methode belächelt und die Augen verdreht, als sie meinte, dass man sogar irgendwann mit Begeisterung faltet. Äh, ja. Also ich muss gestehen, dass es mir tatsächlich mittlerweile ziemlich gut gefällt. Ich werde trotzdem sehr viel hängen, weil ich das lieber mag, aber ihre Faltmethode hat mich im Nachhinein etwas süchtig gemacht.

Ihre Art, Papierkram abzulegen, ist allerdings eine Katastrophe (gut, vielleicht spielt mein Job da auch ein bisschen rein). Wenn ich mir angucke, was für einen Berg an Versicherungs-, Bank- und sonstige Unterlagen wir haben, würden wir jedes Mal Stunden brauchen, um da was wieder zu finden. Sieh geht davon aus, dass man solche Unterlagen zwar hat, aber im Grunde nie benutzt. Ich denke, dass es in Deutschland einfach etwas anders zugeht, als ich Japan. Ich zumindest mache ne Steuererklärung, und dafür brauche ich den Mist immer und immer wieder. Auch die Menge scheint da sehr auseinander zu gehen. Sie spricht von einem Ordner. Wir haben zusammen etwa 8. Und ich miste regelmäßig aus, was nicht mehr aufgehoben werden muss.

Zum Schluss des Buches geht sie noch auf die Psychologie dahinter ein und welche Veränderungen sie bei ihren Kunden bemerkt hat (äußerlich und psychisch). Einiges davon kann ich mir gut vorstellen, anderes wiederum geht mir zu weit (dass die Energie eines weggeworfenen Gegenstands in Form eines anderen Gegenstands zu uns zurück kommt, um uns so Freude zu bereiten z.B.).

Meine Meinung:
Ich bereue den Kauf nicht. Ich finde die Grundidee zwar wenig überraschend, ihre Herangehensweisen und „Regeln“ aber motivierend und erfrischend anders. Ich werde umsetzen, was mich anspricht und den Rest ignorieren. Mal schauen, wie viel ich dann wirklich hin bekomme. Leider tendiere ich dazu, solche Dinge dann doch wieder ewig hin zu ziehen und die Lust zu verlieren. Genau darum sagt sie ja, dass man es kompakt halten soll. Im Moment hat es in mir aber eine Art Ausmistwahn freigesetzt, der mir viel Spaß macht. Ich hoffe, der hält an, bis ich mit allem durch bin.

Kommentare:

  1. Tolle Rezension!
    Ich werde mir das Buch nicht kaufen - obwohl ich's vielleicht nötig hätte - hab aber auch schon einiges davon gehört. Für mich kann ich so schon Sachen mitnehmen, bspw. die Institutionalisierung an sich, dass man sich Zeit nimmt, sich bewusst macht, wozu etc.
    Vor allem den Gedanken "Was mir keine Freude macht, kommt weg" finde ich super. Natürlich nicht in aller Konsequenz machbar - es gibt Dinge, die ich eher täglich anknurren könnte, aber brauche. Aber als Entscheidungshilfe ist der Satz super. Es gibt ja immer Dinge, die einen irgendwie belasten, weil sie rumstehen und immer im Weg sind und man ärgert sich. Und doch bleiben sie ewig, weil man sie geschenkt bekommen hat, vielleicht ja doch noch mal braucht, etc.
    Naja, meiner Messi-Seele hilft dann halt doch dieses kurze Innehalten und vor-Augen-Führen. Auch bei bspw. Lebensmitteln. "Ess ich es noch *gern*? Nein, dann weg, auch wenn's noch gut ist."
    Also die kleinen Schritte und gelösten Blockaden find ich schon hilfreich.

    */wortschwall*

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  2. Na, das klingt aber schon alles eher US-amerikanisch als japanisch, also eher nach Methode und nach Kniff als nach Stil… Eben wie ’nen Ratgeber („Fleischlos schwanger mit Pilates“).

    Das Thema interessiert mich freilich sehr, insofern ich selbst gerade dabei bin aufzuräumen und auszumisten. Die ganzen Erinnerungen an die Zeit um 2008, puh…

    Aber kann hier überhaupt eine Japanerin Vorbild sein? Mich erinnert das an eine ganz gute FS-Doku von vor ca. zehn Jahren über den Pazifischen Krieg. Da hatten die Autoren die damals noch lebenden letzten Veteranen vor die Kamera gezerrt. Natürlich alles arrivierte Leute, wohlhabende und ehrwürdige Alte, die in ihren Wohnzimmern gesessen haben. Bei den Amis waren das: Fotos, Souveniere, Fähnchen, Memorabilien, geschnitztes Holz – das US-Gegenstück zu dem, was hier früher Gelsenkirchner Barock hieß. Die Typen mit offenem Hemd und Baseball-Ami-Mütze. Bei den den Jappos: Korrekter Dreiteiler. Ein leeres Zimmer, in dem nur eine große Vase gestanden hat, die wiederum leer war. :-)

    Es sind einfach andere ästhetische Prinzipien.

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