Montag, 12. April 2010

Gehörlose


Ich war am Wochenende auf einem Seminar, das mich tief beeindruckt hat. Es ging um den Umgang mit gehörlosen Kollegen. Wie kann man die Verständigung verbessern, welche Probleme haben Gehörlose, die sich ein Hörender vielleicht nicht vorstellen kann usw. Es waren von jeder Arbeitsstelle ein Gehörloser und 2-4 hörende Kollegen anwesend. Mein erster Eindruck über die Gehörlosen war: Lebendigkeit, Lebensfreude und Lebenskraft. Sie kamen rein, sie waren da, quackelten munter los und strahlten eine unglaubliche Energie aus. Natürlich nicht jeder, aber doch die meisten. Ich habe mit einigen rumgeblödelt, mich mit Händen, Füßen und pantomimisch anmutenden Einlagen unterhalten und es klappte gut. Die Berührungsängste verflogen sehr schenll.

Während der ganzen Zeit waren zwei Dolmetscherinnen anwesend, die ich um ihren Job nicht beneidete, denn ein ganzes Wochenende hin und her zu übersetzen ist höllenanstrengend. Sie schlugen sich aber wacker. Wir erfuhren etwas über die Ursachen der Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit und die modernen Behandlungsmethoden, wie das Cochlea-Implantat. Die Gehörlosen beschrieben ihren beruflichen Alltag wie auch ihren Lebens- und Leidensweg. Die meisten Hörenden waren geschockt, als sie über die an Folter erinnernden Methoden in den damaligen Gehörlosenschulen hörten. Jeder glaubte, dass Gebärdensprache dort selbstverständlich gewesen sein müsste und dass sie im Grunde eine normale Schulbildung haben müssten. Dass Gebärdensprache verboten war, es Schläge auf die Finger gab, wenn es jemand wagte, diese einzusetzen (wenn die Hände nicht eh hinterm Rücken gefesselt waren) und sie mit Übungen gequält wurden, damit sie sprechen lernten, das wusste von uns keiner. Das Wort Folter kam von einem der Gehörlosen, nicht von mir. Er beschrieb seine Schulzeit so. Eltern wurden von „Experten“ dazu angehalten, keine Gebärden einzusetzen, sondern die Kinder von den Lippen ablesen zu lassen. Viele Eltern wussten über ihre Kinder nichts, weil sie nie mit ihnen kommuniziert hatten. Die Gehörlosen, die heute um die 40 sind, haben also nie eine wirkliche Schulbildung erhalten, da sie vom Unterricht, der ja nicht übersetzt wurde, nur einen kleinen Teil mitbekamen. Die Gebärdensprache entstand auf den Schulhöfen, in den Freundeskreisen, auf der Straße und ist in Deutschland erst 2002 offiziell anerkannt worden. Ein großes Problem ist auch das Lesen. Gehörlose werden oft mit der Aussage Hörender konfrontiert: „Wieso, der kann zwar nicht hören, aber er kann doch lesen.“ Klar können Gehörlose lesen, aber sie haben eine andere Sprache als Hörende und verstehen nur einen Teil der Worte, die ihnen vorgesetzt werden, weil sie einfach die Feinheiten der gesprochenen Sprache, wie Zeiten und Fälle nie gelernt haben und oft einen deutlich geringeren Wortschatz haben. Woher auch? Wir hatten das Beispiel „kommen“. Das Wort kannte jeder. Bei „gekommen“ gab es schon die ersten Fragezeichen und die Worte „verkommen“, „kommenden“ und „auskommen“ kannten nur noch 2 und das waren die, die auch Romane lesen konnten, was auf viele Gehörlose nicht zutrifft. Mir waren diese Probleme gar nicht bewusst. Je mehr ich erfuhr, desto geschockter war ich über den Umgang mit Gehörlosen und desto beeindruckter von ihrer positiven Lebenseinstellung. Wie so viele andere wurden sie „eingenordet“. Sie waren anders und sollten es nicht sein. Vergleichbar mit den Linkshändern. Wer anders ist, muss so geschult werden, dass er wieder wie jeder andere wird. Andere Wege lernen, um am Leben teil zu nehmen? Die Menschen einfach zu akzeptieren, wie sie sind? Also bitte! Interessant waren auch die Einblicke in den Alltag. Über Dinge wie Türklingeln, Telefone, Terminabsprachen mit Ärzten und Behörden, Anrufe beim Notruf und zu üppig geschmückte Esstische hatte ich mir bisher wenig Gedanken gemacht. Jetzt schon.

Wir hatten trotz der ernsten Themen aber unglaublich viel Spaß zusammen.

Falls einer von euch mal mit einem Gehörlosen oder stark Schwerhörigen zu tun haben sollte, bitte ich euch, folgende Dinge zu beachten. Das sind nur Tipps, aber ich für meinen Teil fand es interessant und hilfreich, solche Dinge zu erfahren, denn vieles war mir vorher nicht klar. Bei einigen Dingen kann es natürlich Unterschiede geben, z.B. beim Verständnis von Texten, oder der Möglichkeit von den Lippen abzulesen. Wenn ihr unsicher seid, fragt einfach den Gehörlosen, wie ihr euch am Besten verhalten sollt.

- Gehörlose sind nicht dumm, also behandelt sie bitte normal.
 
- Sprecht deutlich (klare Lippenbewegungen) und langsam.
 
- Benutzt eine klare Mimik (Hörende können an der Stimme erkennen, ob etwas nett oder barsch ausgesprochen wird, ob der Redende fröhlich, traurig oder ärgerlich ist, Gehörlose brauchen die Mimik dafür).
 
- Untermalt eure Worte mit Handbewegungen. Auch wenn ihr keinen blassen Schimmer von Gebärdensprache habt, könnt ihr trotzdem das Verstehen erleichtern. Viele Gebärden sind sehr intuitiv und ihr würdet staunen, wie viele Gebärden ihr auf Anhieb erraten könnt.
 
- Schaut den Gehörlosen an, wenn ihr sprecht.
 
- Redet und schreibt in kurzen und klaren Sätzen ohne Schnörkel, Floskeln, Verschachtelungen und Konjunktiv. Es mag euch unhöflich vorkommen, aber noch unhöflicher ist es, den Gehörlosen mit viel Blabla zu überfordern so dass er euch nicht versteht.
 
- Vermeidet Fremdwörter, Redewendungen und Zweideutigkeiten. Viele sind Gehörlosen nicht geläufig. (Als Beispiel hatten wir u.a. "Jemanden um die Ecke bringen",  was keiner der Gehörlosen kannte.)
 
- Fragt freundlich nach, ob alles verstanden wurde. Gehörlose scheuen sich oft zuzugeben, dass sie nicht verstanden haben.
 
- Seid Geduldig. Wenn der Gehörlose nicht verstanden hat was ihr wollt, erklärt es noch mal. Es ist keine böse Absicht von ihnen.
 
- Bei Essenseinladungen oder nettem Beisammensein: Möglichst runde Sitzordnung, damit man jeden direkt anschauen kann. Keine hohen Blumen oder ähnlichen Schmuck in der Tischmitte, oder tief hängende Lampen. Kein zu schummeriges Licht oder sonstige extremere Lichtverhältnisse. Alle Anwesenden müssen gut zu erkennen sein.
 
- Auch wenn es euch komisch vorkommt: Wenn ihr euch mit einem Gehörlosen unterhaltet und ein Hörender kommt dazu, seht beim Sprechen weiter den Gehörlosen an. Der Hörende versteht euch auch so, der Gehörlose, zumindest wenn er einigermaßen von den Lippen ablesen kann, nur wenn ihr ihn anschaut.
 
- In einer Runde mit Hörenden und Gehörlosen (egal ob mit oder ohne Dolmetscher): Redet nicht alle durcheinander, sondern immer schön nacheinander. Auch hier natürlich langsam und deutlich sprechen.


Viel Interessantes zu Gehörlosen heute und in der Geschichte (Ansonsten bei weiterem Interesse einfach mal Google benutzen.):

Kultur und Geschichte Gehörloser

Kleine Geschichte der Gehörlosen. Knapp aber informativ. Geht allerdings nur bis Mitte der 90er.

Nette Seite mit persönlichen Berichten.

Natürlich auch bei Wikipedia, obwohl ich die Artikel dort nicht so gelungen finde.

Kommentare:

  1. Sehr interessant, danke für's Teilhabenlassen! Besonders das mit dem Leseverständnis war mir überhaupt nicht klar, sehr krass...

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  2. Ich kannte vieles schon, weil ich einige Gebärdensprachkurse gemacht habe. Ich finde das Thema auch sehr interessant, auch den Aspekt, dass sich einige Gehörlose zu CIs gedrängt fühlen, obwohl sie in der Gehörlosen-Gemeinde eine gute Kultur sehen, die sie auffängt.

    Gruß Erin

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  3. Sehr schöner Beitrag. Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren immer mal wieder mit der DGS und der Geschichte der Gehörlosen.

    In zwei anderen Foren kenne ich auch geweils einen User, der gehörlos (bzw. so stark schwerhörig ist, dass sie als gehörlos gilt) ist. Man merkt es auch teilweise am Schreibstil, noch bevor man erfährt, dass der User gehörlos ist. Natürlich, denn er schreibt ja in einer – für ihn – Fremdsprache.

    Ach Mensch, es reut mich immer noch, dass ich den DGS-Kurs damals nicht weitermachen konnte. Mpf.

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  4. @ Erin
    Ja, die CIs sind sehr umstritten. Das wurde uns auch gesagt. Ich konnte es am Anfang nicht nachvollziehen, aber je mehr ich über die Gehörlosen-Kultur erfahren habe, desto klarer wurde es mir.

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  5. Wow, sehr toller Bericht von einem offenbar wirklich spannenden Wochenende. Ich hatte bisher noch nie näher mit Gehörlosen zu tun und gerade so Sachen wie das Leseverständnis bzw. "normale Sprache ist Fremdsprache" waren mir auch nicht klar. Eigentlich erschreckend, wie wenig man mal wieder weiß...

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